Parabeln und Boliden

Hans Brändli

I
COLORADOFLÜSSE URSALAND

Zusammen wollen wir aufbrechen in die Räume der ungezählten Weißstufen. In die humiden Orte. Orte der Verschneiungen und der wasserhaltigen Lüfte, der Montangewalten und ihrer Lichtbrecher, der Brockengespenster, der Halos. Als Sporenkleine, den Würmern Entferntverwandte möchten wir uns hineinlegen in die Montblancs, unter die Riesensumme weißer Gegenwart. Land und Weiße, Ort und Farbe, dieses ist das Colorado, das Ursaland der Kreatrix Ursa. Sie ist die Honigsuchende im weißen Grund. Hier findet und macht sie Land und Farbe, hebt das Colorado. Ursa, Steinheberin, du bist im Spiel mit der Farbe immerfort. Mit der Farbe und dem Gold hantierend, mit der Farbe um die Farbe schürft Ursa in den Coloradoflüssen nach Bildern in Steinen, Stäuben und Metallen. Bild auf Bild.

II
ALLMENDEN DER FARBE

Als Sappeurin baust und erspielst du die Körper, die Gemäldekörper, die künstlichen Genossenschaften der Vielheit aus Einzelnem. Du bewohnst und gründest die Korporationen und Allmenden der Farbe. Körperschaft auf Körper. Körper an Körper. Vermählungen. Störungen.

Auch Störverkehr, da, wo Liebschaften in Farbe gehen. Love is a battlefield. Im Schlamm gehen und stehen. Historienmalerei, Pferde aus Farbschlamm. Bilder sind Sitz von Farbfamilien. An ihren singulären Faszikeln gefestigt. Das Einzelne als Ergebnis einer Krise seiner Umgebung. Wie Bürger-Promontorien, Farbprominenzen, einzelne Exzellenzen, Bäuche überkonvexer Farbe. Ursa, du legst hier die Columbus-Fragen hin. Fragen nach der Farbmacht in unserer Welt und der Kraft und der Dauer eines Farbregimes.

III
AVIATRICE

Es sieht aus, als ob du beim Malen dich hochschwingen würdest, als Ursa-Colomba zu luftraumfüllenden Farb-Bombings, zu strapaziösen, methodischen Überflügen im Bildgelage. Drehungen, ordnende Vergleiche von Farben neben Farben. Farbdemographie. Bienenfabelhaft.

Nun weiter, zu erhebenden Flugfiguren, Volte auf Volte am Farbkreis. Hier ein Salut an die Farbakrobatik. Messerschnitt in die Farbe. Du nimmst Land für die Malerei. Da, wo du mit paketweisen Farbabwürfen Territorien, Geländeeinheiten aus Farbe eröffnest, okkupierst du. So tun wie Frau Holle und von oben die Wetter, die Farbe niederschicken. Schrägen, farbigen Regenwall erzeugen. Zahlreiche Umkehrbögen setzen. Aushecken von Loopingstrecken in und mit den Farbmassen. Abbauen wie die Torfstecher. Es wird Gelände geplündert. Bestehende Farbanlagen werden zerpflückt, ausgeräubert und durch andere Farbanlagen ersetzt. Marchsteine und Zäune versetzt, umgestossen, aufgelöst, Farbe wird abermals neu gesetzt bis zur gültigen March des Bildes. Seinen Giltsteinen.

IV
WERDE DER FARBE INSEMINAT

Noch ein paar Schritte voraus und wir sind bei den offenen Ursaverstecken. Ursa heißt Entführung. Eine führende Ursache zum Hin und Her in die Farbe der Welt. An die Ebenen und Klüfte der Farbe, an ihre Figuren, die gemalten Bilder. Sogleich erzeugt sich ein Farbe-Sein, mein Rot-Sein, mein Gelb-Sein. Ich bin hinfällig an die Farbe der Dinge, an die Farbe der Bilder. Ich, versklavt freier Träger der Farbe, bin Gast und zugleich Wirt ihrer Farbstrahlen. Ihr Ziel bin ich von Welle zu Welle. Ein anderes Mal ist die Farbe meine Beute, ich kabele mich hinein als der anderenortes Extrinsische. Nun aber der unmittelbare Zudringling an ihre Pole und Achsen. Als intrinsische Masse zerstreue ich mich zu Punkten in ihr, selbst reflektierend. Werde der Farbe Inseminat.

V
NACHTVERSUNKEN IM DRUMLIN

Beim Hinunterfahren in den Canyon erlöschen die Farben der Dingwelt. Es ist ein Grenzfall, berauscht vom Weg abzukommen und hineinzugeraten in das Wurzelharz und den See von Asphalt. Wände aus Teerpappe um mich herum. Ich fühle in mir die Hundestücke von Furcht und Geborgenheit. Ein lautloser Zank um das Nackte. Geht dem Neubeginn eine vollständige Entfärbung der Welt voraus? Der noch nie erlebte Schwarzfall? Der Fall, eine gewaltige Auswalkung zum faltenlosen Nichtstoff. Das Schwarzmeer verklebt die Augenblicke der Absenz. Als ein Steuerloser hinweg in einen Sehsturz, über Katarakte des Unumkehrbaren. Es starten sich selbst verzehrende Visionen wie vorbeiglühende Boliden. Ich bin der Pechkluft ihr Stück und bin halber Teil Schutt, bin nachtversunken im Drumlin, im Inneren meiner eigenen Höhlung. Finde mich alleingemacht im Drumlin und bin aller binokularen Welt entsetzt, selbst von mir entsetzt, wie zu einem Vorzyklopen geworden, bin entaugte Kanope im tiefsten Sand.

VI
PONS MEDICI

Hier in dem Gemälde. Da sind die zarten Brücken aus Farbe. Sie sind feinstes Gespleiss aus haarbreiten Farbseilchen. Sie wirken herüber und gondeln in das Innere durch mein Sehen. Dort verweilen sie und erwarten vielleicht den Korpuskeltod. Oder sie entfliehen ihm und wachsen zu einzelnen Ornamenten heran, die manchmal einen Trost erzeugen. Homofinal weiterleben als Metaboliten der Farbe. Vielleicht an der Blutfarbe haften. In Abwehr und Gegenwehr zirkulieren. Einen inneren Haushalt bestellen als strömende Farbmetaboliten. Sie, die Ausreißer eines Bildes, welche überraschend unsere Stimmung einfangen, sie ganz schnell verändern, unterlegen, oder aufpeitschen. Alles das ist möglicherweise ausgegangen von der Schamanenkraft eines Bildes. Ob denn Malerei wirken kann wie ein Stab der Stäbe eines Äskulap? Erzeugt ein Badegang am Farbkörper ein Refaire in meinen Körperzellen? Oder zergeht dieser Farbbalsam, als kostbares Angekommenes, augenblicklich zu Schaumblasen an unserer Netzhaut?

Jetzt, hier an diesem Gemälde, da nimmt sich unser Parietalauge wieder eine Dosis Farbe und vergnügt sich damit auf der Pons Medici.

VII
SIRENENGESANG IM MARMOTTENGANG

Ursa, ein Bild über die Bilder. Immer wieder Neumalen. Gemälde auf Gemäldefolge. Wie soll ich standhalten dem Juwelendruck und zermahlenem Edelgestein? Davongehen vor der niedersinkenden Titanwolke. Mich aus ihrem Staub davonmachen. Heran an die Bäche, an Fontanellenrauch. An die Erscheinung hellster Vulkanstelle. Helle, wie Milch und Butter aus Sternenlicht fließt mir zu. Das Bild. Ursa, ein Name für viele Namen. Weiße und Äther und Atem und Bild einer Bärin aus Feuer; Ströme aus Farbe wie Butter und Milch, anziehendes Höhenlicht. Farbe, Bild der Versuchung, Vertreibung, Sirene.