F. Carlo Schmid
ANTIKE WELT
Die monumentale, ca. 3,10 Meter hohe Statue des Herkules Farnese gehört zu den bedeutendsten Bildwerken der Antike. Sie ist eine Marmorkopie nach einer verlorenen griechischen Bronzeplastik des Lysipp von ca. 320 v. Chr. und entstand wahrscheinlich eigens zum Schmuck der Caracalla-Thermen in Rom, deren Eröffnung 216 n. Chr. erfolgte.
Nach dem Untergang der antiken Welt wurde die in mehrere Teile zerbrochene Skulptur 1546 ausgegraben, restauriert und im Palazzo Farnese in Rom aufgestellt. Papst Paul III. hatte den Innenhof seines Familienpalastes als Standort bestimmt, was der Skulptur ihren bis heute gebräuchlichen Namen gab. Mit den übrigen Sammlungen der Farnese gelangte sie 1787 im Erbgang nach Neapel, wo sie seit 1826 im Archäologischen Museum zu sehen ist.
Der in heroischer Nacktheit dargestellte, überaus muskulöse Herkules Farnese stützt sich mit der linken Achsel auf seine mächtige Keule. Er hat sie auf einem Felsen abgestellt und sein Löwenfell darüber gehängt. In der rechten Hand, die er zum Rücken geführt hat, hält er drei Äpfel, bei denen es sich um jene der Hesperiden handelt. Dadurch wird deutlich, dass der Held nach Beendigung eines in der Mythologie überlieferten Abenteuers wiedergegeben ist.
Herkules, oder griechisch Herakles, war der Sohn des Göttervaters Zeus und der irdischen Alkmene, der Frau des Amphytrion. Zeus besuchte sie in der Abwesenheit ihres Gatten in dessen Gestalt, so dass Alkmene Zeus nicht erkennen konnte. Aus dieser Verbindung hervorgegangen, war Herakles ein Halbgott. Schon als Kind zeichnete er sich durch übernatürliche Kräfte aus, die er im Erwachsenenalter einsetzen musste, um zwölf Aufgaben zu bestehen, die ihm König Eurystheus auftrug. Dazu gehörten etwa die Erlegung des nemäischen Löwen, dessen Fell zu Herakles Attribut wurde, oder die Entführung des Höllenhundes Zerberus aus der Unterwelt. Die erfolgreiche Entwendung der drei goldenen Äpfel der Hesperiden ist eine der beiden letzten Taten, meist wird sie als zwölfte und abschließende gezählt. Damit ließe sich die nachdenkliche Haltung des Herkules Farnese erklären. Ermüdet hält er inne, er ruht auf seiner Keule und sein Kopf ist nach unten geneigt, als sinne er über die zurückliegenden Geschehnisse und deren Ende nach. Da er alle Arbeiten erfolgreich erledigt hat, ist er ein Sieger, der allerdings nicht triumphiert, sondern in Selbstreflexion verharrt.
HENDRICK GOLTZIUS
Die Statue des Herkules Farnese war gleich nach ihrer Auffindung aufs höchste bewundert worden. Unter einem Loggia-Bogen des Innenhofs des Palazzo Farnese gegenüber dem Haupteingang aufgestellt, war sie allgemein zugänglich und wurde zu einer Attraktion für Rom-Reisende. Gelehrte und Künstler studierten die Statue in allen Details, und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein entstanden viele verkleinerte Reproduktionen in Bronze, Marmor, Gips oder Holz. Für Reisende waren als Erinnerungsstücke graphische Wiedergaben leichter transportabel. Eine der frühesten ist der Kupferstich von Jacob Bos, der 1562 in Antonio Lafreris SpeculumRomanae Magnificentiae erschien, eine Sammlung wichtiger Sehenswürdigkeiten der Ewigen Stadt. Die berühmteste graphische Interpretation stammt allerdings von Hendrick Goltzius (1558–1617). Anders als die meisten Künstler, die zur Abrundung ihre Ausbildung eine Tour nach Italien unternahmen, reiste Goltzius als bereits hochangesehener und berühmter Künstler im Alter von 32 Jahren 1590 nach Rom. Er blieb ein Jahr in Italien und kehrte Ende 1591 in seine Werkstatt nach Haarlem zurück.
In Rom studierte er besonders antike Skulpturen, heute haben sich noch 43 seiner Zeichnungen von 27 antiken Skulpturen erhalten, wobei er den Herkules Farnese zweimal festhielt, einmal frontal und einmal in einer Ansicht von der Rückseite. Nach diesen Vorzeichnungen entstand später, ca. 1592, sein Kupferstich (New Hollstein 378). Vermutlich plante Goltzius eine Suite von Stichen nach antiken Statuen, ähnlich der 1570–1584 erschienenen Folge Antiquarum Statuarum Urbis Romae von Giovanni Battista Cavalieri. Dabei sollten die prominentesten Skulpturen von verschiedenen Blickwinkeln abgebildet werden. Allerdings konnte Goltzius lediglich drei Platten stechen, ehe er starb. Neben dem Herkules Farnese sind dies der Apoll vom Belvedere und der Herkules mit dem Telephosknaben. Abzüge von den Platten wurden erst nach seinem Tod posthum gedruckt und verkauft.
Die größte Auffälligkeit an Goltzius’ Kupferstich ist, dass der Herkules Farnese vom Rücken gesehen ist. Diese Ansicht war ihm wichtiger als die Vorderansicht, denn nur von dieser Perspektive aus sind die Äpfel der Hesperiden erkennbar, die auf das krönende Ende des Dodekatlos, der zwölf Taten, verweisen. Darauf lässt sich auch die in die Basis als eingemeißelt zu denkende Inschrift „Hercules Victor“ beziehen, was „Herkules, der Sieger“ bedeutet. Damit ist allerdings auch sein Sieg über die Laster gemeint, denn er ist nicht nur stark an körperlicher Kraft, sondern ebenfalls ein Tugendheld.
Eine weitere Besonderheit der Komposition liegt darin, dass Goltzius den Herkules Farnese nicht im architektonischen Rahmen des Palastes zeigt, sondern ihn unter freiem Himmel plaziert. Das Haupt der Riesenstatue scheint in die Wolken zu ragen. Die gewaltigen Ausmaße der Skulptur werden dadurch vermittelt, dass Goltzius sie formatfüllend und in Unteransicht wiedergibt. Die beiden Betrachter in der unteren rechten Ecke, deren Identifizierung nach wie vor spekulativ ist, geben zum Vergleich die menschliche Größe vor und lassen nachvollziehbar werden, welche Höhe das Postament hat, auf dem der steinerne Koloss steht. Die Bewunderung, die aus ihren Gesichtern spricht, lehrt uns wie die antike Skulptur und gleichzeitig der Kupferstich Goltzius’ betrachten werden sollen. Da sie im Bilde so angeordnet sind, dass sie die Statue von vorne sehen, weisen sie auf deren Dreidimensionalität hin. Goltzius spielt mit der Übersetzung der dreidimensionalen Skulptur in seine zweidimensionale Graphik auf eine kunsttheoretische Diskussion jener Zeit an. Die Gelehrten erörterten damals, welcher Kunstgattung der Vorrang gebühre, der Skulptur oder der Malerei. Zugunsten der Skulptur wurde vorgebracht, dass sie sich erst im Herumgehen ganz erschließe. Die Maler entgegneten, dass dieses Umschreiten lediglich eine Abfolge von Einzelbildern sei. In Gemälden oder Graphiken ließen sich solche Einzelbilder leicht realisieren, womit die Mehransichtigkeit der Skulptur berücksichtigt wäre. Hier erhält die bereits erwähnte Absicht Goltzius’, verschiedene Ansichten ein und derselben Skulptur zu stechen, eine weitere Erklärung.
PIA FRIES
Pia Fries (geb. 1955) setzt sich seit 2010 mit Goltzius’ Druckgraphik künstlerisch auseinander. In jenem Jahr stellte sie ihre Adaptionen des Fahnenschwingers, ein 1587 entstandener Kupferstich, in das Zentrum einer Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Dabei ging es ihr um eine Auseinandersetzung mit dem brillant gestochenen Fahnentuch und nicht um den geckenhaften und eitlen Fahnenträger, der als Aussparung in ihren Gemälden als vielsagende Leerstelle nach wie vor präsent ist. 2015 wandte sie sich den Himmelsstürmern zu, unter diesem Titel werden vier Kupferstiche subsummiert, die Goltzius 1588 nach Gemälden von Cornelis Cornelisz. van Haarlem stach. Wie bei dem Fahnenschwinger entschied sich Pia Fries auch hier dazu, die Motive mit dem Siebdruckverfahren malerisch zu drucken, denn so versteht sie ihre Verwendung dieser graphischen Technik, und darüber hinaus mit der Hand zu übermalen. 2017 fand dann der Herkules Farnese ihre Aufmerksamkeit.
Der Fahnenschwinger und die Himmelsstürmer sind Musterbeispiele für Goltzius’ exaltierten Manierismus. Dieser Stil des ausgehenden 16. Jahrhunderts ist geziert, kapriziös und in vielen Aspekten übertrieben. Die Himmelsstürmer stürzen in gewagten Verdrehungen und Verrenkungen ins Nichts, ihre Muskeln sind viel zu stark ausgeprägt, wie es auch bei anderen Männerakten von Goltzius der Fall ist. Diese stilistischen Extravaganzen beruhigten sich während seines Italienaufenthalts. Die Auseinandersetzung mit den Werken der Antike und der Renaissance führten ihn zu einem stärkeren Streben nach Harmonie und Ausgewogenheit. Diese eher abgeklärte Form seines Manierismus verkörpert der nach der Reise gestochene Herkules Farnese.
Die bewegten Motive der wehenden Fahne und der Stürzenden stehen im Zusammenhang mit Pia Fries’ eigener Arbeitsweise, weil sie Farbmaterie impulsiv und gestisch mit viel Dynamik gezielt auf die Bildträger setzt und austariert. Aber auch den stillen Herkules Farnese bringt sie aus seinem äußeren und inneren Gleichgewicht. Für die ihm gewidmete Serie disloziert, ab 2018 entstanden, fotografierte sie den Kupferstich des Herkules Farnese, wobei ihr als Vorlage das Exemplar im Museum Kurhaus Kleve diente. Aus dieser Aufnahme schnitt sie den Heros heraus, denn sie verzichtete auf die Wolken und auf beide Betrachter. Von den skalierten Bildern wurden dann Filme hergestellt und auf Siebe für den Druck belichtet. Die Gesamtfigur des Helden ist in ihrem Œuvre bislang exklusiv in dieser Folge auf Papier zu finden, während sie Details des Kupferstichs auch als Elemente in Gemälden aufgriff, etwa die auf dem Felsen aufgesetzte Keule, über der das Löwenfell hängt und daher wie eine Säule wirkt.
In der Werkgruppe disloziert hat der Halbgott seinen angestammten Ort verlassen müssen, er ist von seiner Standposition wegbewegt und verschoben worden. Auch hier wird Dynamik thematisiert. Er wurde von Pia Fries gekippt, auf den Kopf gestellt, diagonal angeordnet oder übereinander gelagert. Der Druckprozess ist aufwendig, es können bis zu sieben Druckvorgänge notwendig sein, um ein Ergebnis zu erzielen, das den Vorstellungen der Künstlerin entspricht. Keines der Blätter gleicht dem anderen, denn jedes ist durch die Ausrichtung der Siebe, durch unterschiedliche Druckfarben und ihre zusätzliche malerische Überarbeitung von Hand individuell. Druckgraphik und Malerei bilden eine Einheit, der Siebdruck ist Teil der Malerei. Die mit dem Sieb gedruckten und dem Pinsel gemalten Partien treffen und verzahnen sich auf einer Ebene. Bei ihren Gemälden sind die Farbenmassen dagegen meist reliefartig erhaben. Es war ein mehrmonatiger, geradezu herkulischer Arbeitsprozess, in dem Pia Fries den Zyklus gestaltete. Dabei arbeitete sie immer gleichzeitig an mehreren Blättern und integrierte darin, was an Impulsen an sie herantrat.
Ihre Werke sind erneute Übersetzungen, von der antiken Skulptur über die Vorzeichnung und den Kupferstich des Goltzius’ zu ihren Blättern. Dabei ist die Marmorkopie bereits eine abweichende Version der viel älteren griechischen Bronze. Es sind dies alles Übertragungen unterschiedlich alter Kunstwerke in die jeweilige Gegenwart, die, schneller als gedacht, selbst historisch werden. Pia Fries zeigt, wie relevant die Vergangenheit für die Gegenwart ist, welche Inspirationen aus dem Schatz der alten Kunst für die heutige Zeit gewonnen werden können. Das ist eine Erkenntnis, die bei Goltzius ähnlich gewesen sein mag. Die Betrachtung älterer Kunstwerke in Italien bewog ihn dazu, seinen eigenen Stil zu verändern. Seine und Pia Fries’ Kunst sind bei aller Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ganz aktuelle Ausdrucksformen. Pia Fries verwandelt die alte Vorlage durch den malerisch genutzten Siebdruck, die Kombination der Motive und ihre grandiose Farbigkeit, die für den Herkules Farnese neu ist, denn sowohl die Marmorskulptur wie auch der Kupferstich sind nicht bunt. Pia Fries umhüllt den Herkules Farnese zusätzlich mit einem Farbenfeuerwerk. Gewaltige Farbexplosionen erschüttern die Standfestigkeit des unüberwindlichen Helden und stellen ihn in Frage. Neben den stark farbigen gibt es koloristisch zurückhaltende Versionen, etwa in den Tönen apricot und beige, welche die sensible Seite dieser starken Persönlichkeit aufscheinen lassen. Es entsteht in der Übersetzung etwas Neues, vor unseren Augen entwickelt sich ein Fest, bei dem sich Gegenwart und Vergangenheit begegnen und in einen Dialog treten. Die überschäumende Farbigkeit in ihren Arbeiten kann durchaus mit manchen Gemälden des Manierismus in Verbindung gebracht werden. Hingewiesen sei lediglich auf ein manieristisches Hauptwerk, auf Jacopo da Pontormos intensiv bunte Kreuzabnahme in Santa Felicita in Florenz. Manieristisch sind ebenfalls ihre Vexierbilder. Blickt man auf den Kupferstich des Herkules Farnese und definiert die durch die Silhouette umrissene Fläche als Grundfläche des Heros, so nutzt Pia Fries diese vielfach. In die Grundfläche projiziert sie den Herkules Farnese beispielsweise in umgekehrter oder diagonaler Ausrichtung hinein und erzeugt so ein irritierendes Suchbild, das zunächst rätselhaft ist und entziffert werden muss. Der Herkules Farnese erscheint bei Pia Fries im selben Blatt mitunter seitenverkehrt, verschieden groß, fragmentiert, zerstückelt und wieder zusammengesetzt oder in farbigen Varianten, weshalb er unterschiedlich wirkt, obwohl er immer nach ein und derselben Vorlage reproduziert wurde. In dieser unterschiedlichen Wirkung könnte ein versteckter Reflex auf die Vielansichtigkeit der Skulptur anklingen, die malerisch und graphisch nachempfunden wird. Damit wäre auf die alte Diskussion über die Hierarchie der Kunstgattungen angespielt, die schon Goltzius beschäftigte. Im Paragone zwischen Skulptur und Malerei behauptet sich letztere, weil verschiedene Aspekte derselben Statue bei Pia Fries simultan auf einem Blatt versammelt sind. Disloziert ist eine Serie mit vielen Interpretationsschichten, welche die heutige Archäologie sukzessiv ergraben und aufdecken muss. En passant sei auf einen weiteren Aspekt der Suite hingewiesen, obwohl er ausführlichere Beachtung verdiente. Eine Gruppe von Herkules-Farnese-Blättern wird um den Siebdruck nach einer Radierung Stefano della Bellas (1610–1664) bereichert, die eine waldige Partie des manieristischen Pratolino-Gartens nördlich von Florenz zeigt (De Vesme 838). Nachdem Pia Fries den Herkules Farnese aus seiner angestammten Umgebung isoliert hatte, also auf Wolken und Betrachter verzichtete, fügte sie diesen anderen landschaftlichen Umraum hinzu. Zwar ist es ein artifizieller Garten, doch ist die Assoziation an einen Wald von ihr beabsichtigt. Sie ordnet Herkules somit ein Areal zu, in dem er viele seiner Abenteuer bestritt und das für einen Helden passend ist, denn der geheimnisvolle Wald ist der Ort, wo die wilden Kerle wohnen.